Es ist Sommer, 6.30 Uhr. Soeben ist unsere älteste Tochter Sara aufgestanden. Uns steht heute ein Besuch des Eltern-Magazins ‚Fritz und Fränzi‘ bevor. Es soll eine Reportage werden über den Alltag unserer drei Kinder, welche noch nie in ihrem Leben in eine Schule gegangen sind. Was alles unsere Kinder an diesem Tag erlebt haben, möchten wir mit euch in diesem  Bericht teilen.

Für uns war es übrigens ein ganz normaler Tag. Die Tage zuvor und danach liefen ganz ähnlich ab. Und auch als für die Schulkinder die Sommerferien begannen, ging für uns der ganz normale Alltag weiter, an sieben Tagen die Woche. Lernen, Spielen und Sein kennt bei uns weder Ferien noch Wochenende.

Der Grund für Sara’s frühe Aufstehen ist aber nicht dieser Besuch und auch nicht etwa ein Wecker. Nein, sie fühlt sich schlicht und einfach genügend ausgeschlafen und möchte aufstehen. Manchmal steht sie bereits um 6 Uhr oder noch früher auf. Alleine der Gedanke daran, bis weit in den Vormittag hinein schlafen, ist für sie ein Graus. Sie strahlt mich an. Wir unterhalten uns ein wenig. Daraufhin richtet sie sich behaglich an ihrem Pult ein und schreibt via Computer an ihrer angefangenen Geschichte weiter. Momentan ist sie bei Seite 98 angelangt, die Ideen sprudeln förmlich aus ihr heraus.

Eine halbe Stunde später steht Olivia auf. Noch etwas verschlafen kuschelt sie sich in eine Decke auf dem Diwan und liest in einem Buch. Einige Zeit später beginnt sie leise auf dem Klavier zu spielen. Leise deshalb, um den noch schlafenden Nalin nicht aufzuwecken. Dieser erscheint jedoch kurz darauf – gut gelaunt und hellwach. Sofort widmet er sich seinen Traktoren, kurvt diese ein paar Runden durchs Wohnzimmer und lässt dann seine Bauern frühstücken.

Auch wir frühstücken, sobald alle bereit dazu sind. Eine fixe Frühstückszeit haben wir nicht. Sofern der Papa nicht schon früher aus dem Haus muss, können wir alle fünf zusammen die erste erste Mahlzeit einnehmen. Gleich nach dem Frühstück wird heute an der Malstation gemalt. Während der vergangenen Wochen hielten wir uns fast jeden Tag einmal im Gestaltungszimmer auf, um dort zu malen. Es entstanden die unterschiedlichsten Bilder, welche wie immer nicht bewertet und nicht kommentiert werden.

Wer fertig gemalt hat, wendet sich anderen Interessen zu. Olivia widmet sich ihrem Chinesischen Lehrmittel. Sara schreibt an ihrer Geschichte weiter und Nalin tüftelt an einem Bandrechen, welchen er anhand eines eigens angefertigten Bauplanes für einen Traktor konstruieren will.

Alle versinken in ihre Arbeiten, es ist hochkonzentrierte Stimmung. Dass gerade alle drei zur gleichen Zeit an ihren Pulten in der Küche arbeiten, ist eher Zufall und hat sich einfach so ergeben. Grundsätzlich kommt dies aber eher selten vor, da sich die Kinder für ihre Aktivitäten immer wieder andere passende Plätze drinnen sowie draussen auswählen.

Zu diesem Zeitpunkt – es ist kurz vor 10 Uhr – treffen die Journalistin Claudia Landolt und der Fotograf Martin Mischkulnig ein. Da schon des öfteren Journalisten und Reporter bei uns waren, beeindruckt dies unsere Kinder kaum mehr und sie tätigen ihre angefangenen Arbeiten unbekümmert weiter, fast als ob niemand da wäre.

Sara schreibt beinahe ununterbrochen an ihrer Geschichte weiter, zwischendurch arbeitet sie ein paar Seiten in ihrem Spanisch-Buch durch, lernt einige Vokabeln auswendig und verschafft sich etwas Bewegung auf dem Trampolin.

Olivia löst Sudokus in der Hängematte, lernt Chinesisch am Pult, liest draussen im Garten in einem Buch, hüpft auf dem Trampolin, läuft im Garten ihre Kür, spielt immer wieder auf dem Klavier, spielt mit Nalin ein Fangen.

Nalin hat vor zwei Tagen begonnen, einen Bandrechen für seinen Traktor zu basteln. Er hat dafür einen dicken Karton gewählt und bereits viele Stunden Arbeit investiert. Nun wollte er die Häkchen für den Bandrechen durch ganz dünne Hölzchen hindurchstecken. Diese sind jedoch so dünn, dass sie andauernd brechen, was dazu führt, dass Nalin frustriert und enttäuscht ist. Nachdem er fast eine Stunde lang immer und immer wieder probiert hat, schwindet langsam aber sicher seine Geduld und er begibt sich etwas missmutig nach draussen, wo er den Rasen unseres Gartens mäht. Diese Arbeit liebt er und führt sie bis ins kleinste Detail zuverlässig aus.

Inzwischen versuche ich mich an seiner kniffligen und feinmotorisch sehr anspruchsvollen Arbeit und habe auch meine Mühe damit.

So vergeht die Zeit bis zum Mittagessen, welches ausnahmsweise leider nicht allen schmeckte. Der Grund: Der Backofen ist ausgerechnet heute kaputtgegangen und der Kartoffel-Zucchetti-Gratin war lediglich ‘al dente’, so dass wir noch einige Beilagen improvisieren mussten. Eine ungewöhnliche Situation, zumal gerade noch die Presse zu Gast war. Nach dieser kleinen Irritation lief das Mittagessen aber gewohnt friedlich und harmonisch ab.

Nach dem Essen wird wacker weiter geschrieben, Klavier gespielt, Englisch, Spanisch und Chinesisch gelernt, in Büchern gelesen, an der Werkbank geschreinert.

Sara und Olivia haben einen Eislauftermin und gehen mit dem Fahrrad selbständig dorthin. Sie trainieren fast jeden Tag für rund zwei Stunden, manchmal alleine, oftmals mit Trainer, mehrmals die Woche zusammen mit anderen Mädchen in der Gruppe. Und dies mit viel Leidenschaft und Begeisterung.

Die Journalistin hat sich bereits vor dem Eislauftraining verabschiedet. Der Fotograf, welcher übrigens sehr angetan war von unserem Bildungsweg, geht noch mit in die Eishalle für ein paar Fotos.

Unterdessen übt Nalin einige Stücke auf seinem Schlagzeug, um heute Abend bei der wöchentlichen Probe in einer Instrumentalband zusammen mit anderen Kindern zu musizieren. Zum Abendessen sind alle wieder zurück. Sara schreibt danach sofort wieder an ihrer Geschichte weiter, und das nicht nur heute, sondern bereits seit mehreren Wochen. Ist sie im Schreibflow, so schreibt sie in der Tat bis ihr fast die Augen zufallen. Olivia und Nalin flitzen laut lachend mit einigen Nachbarskindern durch den Garten. Sie spielen das altbekannte Fangspiel ‘Räuber und Polizist’.

Der Tag neigt sich dem Ende zu. Olivia spielt nochmals ein paar Stücke auf dem Klavier. Sara speichert ihre Geschichte auf dem Computer und widmet sich noch ihrem Tagebuch. Nalin versorgt alle seine Traktoren an ihre gewohnten Parkplätze und taucht noch in ein Buch ein.

Wir sind gespannt, auf welche Art und Weise die Journalistin die erlebten Stunden bei uns wiedergibt. Voraussichtlich sollte der Bericht in der September-Ausgabe erscheinen.