Sagt man ja zu einem Filmprojekt im Fernsehen, so kann man logischerweise mit viel positiven Rückmeldungen, muss aber auch mit Kritik und Gegenwind rechnen. Das war uns von allem Anfang an bewusst, da wir mit der Publikation im Migros-Magazin bereits erste Erfahrungen gesammelt hatten. Gerade mit einem Thema wie Unschooling, welches in sich provoziert, tritt man automatisch in ein gesellschaftliches Schussfeld. Zwar kennen sich die Wenigsten mit diesem Thema aus und doch meinen alle mitreden zu können, da sie schliesslich auch mal zur Schule gegangen sind. Eine nicht ganz leichte Ausgangslage.

Bereits im Titel der Reportage ‘Unschooling – wenn spielen Schule macht’ steckt das eigentliche Problem. Wir machen keine Schule, sondern wir thematisieren Themen wie Lernen, Kreativität und Potentialentfaltung. Grundsätzlich thematisieren wir nicht Volksschule, Kitas, Schulwege, Pausenhöfe, usw. Doch der Film wurde aus der Perspektive Schule dargestellt und nicht aus der Perspektive Unschooling und Lernen. ‘Unschooling – wie spielen Lernen schafft’ wäre für uns der treffendere Titel gewesen.

Als uns die SRF-Reporterin Helen Arnet vor rund über einem halben Jahr via Telefon für diese Sendung anfragte, waren wir der Meinung, dass man in einem über 20-minütigen Film recht in die Tiefe tauchen könne. Das war zumindest unsere Vorstellung davon. Nachdem wir nun den Film über uns mit dem Titel ‘Unschooling – wenn spielen Schule macht’ gesehen haben, sind wir zum Schluss gekommen, dass man noch viel mehr Zeit brauchen  würde, um Unschooling in einer Ganzheit darzustellen. Oder dass man ansonsten teilweise andere Szenen bevorzugen hätte sollen. Insbesondere für Menschen, welche das erste mal von Unschooling hören, ist es wichtig, nicht nur vorwiegend Sensationsschlagzeilen zu hören, sondern eine tiefere und ganzheitliche Sicht von freiem Lernen vermittelt zu bekommen. Schlagzeilen verleiten dazu, dass man schnell in eine Schublade gepresst wird. Das Dilemma dabei ist, dass eben gerade die Sensationsschlagzeilen die Besucherzahlen steigen lassen.

Der Film war für uns okay. Nicht mehr und nicht weniger. Wir wussten von Anfang an, dass wir leider kein Mitspracherecht beim Bestimmen der Szenen haben werden. Auch war uns klar, dass man mit den rund 25h Filmmaterial etliche Filme gestalten könnte. Der zusammengeschnittene Film ist nun nichts anderes als das Werk der Reporterin und sagt eher mehr über sie aus als über uns. Aber wie gesagt: Der Film ist für uns okay. Allerdings wäre mit Sicherheit ein anderer Film rausgekommen, wenn wir ihn gemacht hätten.

Wir möchten im Folgenden darüber reflektieren.

Für uns war klar, dass es in einem Film über Unschooling vor allem um das Lernen der Kinder geht und darum, wie unser Alltag abläuft. Während der Filmaufnahmen realisierten wir allerdings zunehmend, dass dies von Seiten der Reporterin nicht unbedingt an erster Stelle stand, sondern viel eher suchte sie mit ihren Unterstellungsfragen stets Sensationssprüche, was folge dessen anderes Essentielles zu kurz kommen liess. Es verwunderte uns deshalb nicht, dass beispielsweise unsere Aussage ‘Kinder brauchen keine Kinder’ zu hören war. Wir haben keine Mühe damit, dass dies in der Reportage gezeigt wurde – damit haben wir gar gerechnet. Schade ist nur, dass nicht gezeigt wurde, wie unsere Kinder mehr als genügend Kontakte mit anderen Kindern haben. Während der Filmarbeiten war unser Garten ab und zu voller Nachbarskinder, welche insbesondere mit Nalin ins Spielen vertieft waren. Dies wurde leider nicht in die Reportage integriert. Auch unsere Töchter hatten sich – wie auch sonst natürlicherweise und oft – mit ihren Freundinnen verabredet und gemeinsame Stunden zusammen verbracht, was auch gefilmt, aber nicht gezeigt wurde. Die Sozialisierung ist immer eine der ersten Fragen im Bezug zu Unschooling. Hier hätte ein Bild mehr gesagt als tausend Worte und es hätte vielen Leuten, welche nun in den Kommentaren von den armen und isolierten Kindern sprechen, den Wind aus den Segeln nehmen können.

Des Weiteren finden wir es sehr schade, dass unsere Kinder in der gezeigten Reportage so wenig zu Wort kommen. Nicht wegen unserer Kinder oder wegen uns, sondern wegen den Zuschauern. Unsere Kinder standen der Reporterin bei so vielen Interviews zur Verfügung und beantworteten unzählige Fragen. Sara erzählt auch in einem Interview von ihren Zukunftsplänen, was für die Zuschauer bestimmt auch mehr als nur ein bisschen spannend gewesen wäre.

Spielen ist Lernen. Hier hätten wir uns gewünscht, dass mehr die Ganzheit des Spielens zur Geltung gekommen wäre. Die Zuschauer der Reportage gehen nun davon aus, dass Nalin tagelang Playmobil und Schlagzeug spielt. Sein Spiel ist aber viel komplexer und hätte auch viel ganzheitlicher dargestellt werden können. Die Zuschauer wissen nicht, dass Nalin dort in sein Thema ‘Bauern’ eintaucht, dass er vor der gezeigten Szene auch beim Zusägen und Schreinern seines eigens entworfenen Heukranen für seine Spielfiguren gefilmt worden ist, dass er auch beim Mithelfen bei den Nachbarsbauern gefilmt worden ist, dass er Traktoren malt aus Leidenschaft, dass er sich durch das Spiel unglaublich viel Sachkompetenz aneignet und welche Bücher er über dieses Thema fast schon auswendig kennt, usw. Was dabei alles während dieses Spieles gelernt wird, wäre für den Zuschauer mehr als interessant gewesen. Aber es lässt sich eben besser verkaufen mit der Schlagzeile, dass Nalin den ganzen Tag Playmobil spielen kann. Des Weiteren wurde Nalin auch beim Englisch lernen gefilmt sowie beim Klettern in der Gruppe mit anderen Kindern, usw. Man könnte noch vieles aufzählen. Auch über unsere Töchter hätte es noch viele andere Szenen gegeben, welche das Thema Lernen vertieft hätten. Tatsache ist, die Reportage ist bloss ein kleiner Ausschnitt aus unserem Alltag und aus der Perspektive der Reporterin.

Des Weiteren stört uns das Thema Frauenbild und die Genderdiskussion. Die Aussage von Bruno bezüglich Frauen und Kinder nach seinem Vortrag am PM Camp in Zürich wird zu isoliert dargestellt. Bruno spricht in der gezeigten Szene vom ersten Jahr des Kindes. Dies kommt aber in der Reportage nicht deutlich rüber und kann ganz klar zu Missverständnissen führen. Wir führen lieber eine Kinderdiskussion über die Emanzipation des Lernens und nicht eine Genderdiskussion über die Emanzipation der Frau. Zudem sagten wir Ja zum Thema Unschooling und nicht zum Thema Emanzipation. Auch kann folgende Aussage von Doris falsch interpretiert werden: ‘Ich bin in der dienenden Rolle’. Diese Aussage wurde beim Malen an der Malstation à la Arno Stern gemacht und war einzig und allein auf diese spezielle Situation bezogen. Es war nie die Rede davon, dass dies unsere allgemeine Philosophie darstellt. Es ist nämlich überhaupt nicht so, dass in unserer Familie irgendjemand sich unterwürfig verhalten muss, sondern vielmehr pflegen wir eine gleichwürdige Beziehung zueinander. Da gibt es kein unten und kein oben, keinen Chef und keinen Zudiener. Wir sind alle gleichwürdig.

Ziemlich störend empfinden wir folgenden Aussage, welche in der Beschreibung zum Film über uns zu lesen ist: “Die Volksschule ist für Doris und Bruno Gantenbein ein Ort, vor dem sie ihre Kinder schützen wollen.” Das sind definitiv nicht unsere Worte und auch nicht unsere Motivation, unsere Kinder nicht zur Schule zu schicken. Ebenfalls die folgende Aussage der Reporterin entspricht nicht unseren Worten “Und warum denken Eltern, dass die Schule ihre Kinder dumm und aggressiv macht?” Wir wollen nicht Kritik an der Schule ausüben, obwohl man manchmal nicht umhin kommt, die Schule als Gegenpart darzustellen. Aber der wesentliche Grund, weshalb unsere Kinder nicht zur Schule gehen ist, dass wir die Einzigartigkeit des Kindes wahren möchten. Um was es dabei genau geht, kann man in aller Tiefe in unserem Buch ‘ Das Wahren der Einzigartigkeit’ nachlesen. Dabei ist Unschooling nur ein Mittel, und nicht das Ziel.

Natürlich gibt es noch andere kleine Szenen, bei welchen wir uns fragten, weshalb nun gerade diese und nicht eine andere ausgewählt wurde. Olivia zum Beispiel sieht man auf dem Eis, wie sie bei einem Doppelsprung umfällt. Klar, das Umfallen gehört zum Alltag einer Eiskunstläuferin und ist etwas ganz Normales. Aber ist es aus der Sicht des Kindes nicht nachvollziehbar, dass es sich gewünscht hätte, dass in der Reportage nicht gerade ein Sturz gezeigt wird? Vor allem deshalb, weil sie bei den Dreharbeiten auch andere Doppelsprünge gestanden ist.

Ach ja, unsere Kinder wurden im Übrigen nicht antrainiert, gegen die Schule zu sprechen! Es werden ihnen in ihrem Alltag so häufig genau diese Fragen wie in der Reportage gestellt. Und es ist tatsächlich so, dass sie von Schulkindern genügend abschreckende Beispiele erzählt bekommen, so dass sie sich eben ihr eigenes Schulbild machen. Viel eher sollte ja zu denken geben, dass Schulkinder fast nur Schauergeschichten über die Schule erzählen. Auf jeden Fall kommen unsere Kinder im Film sehr authentisch rüber.

Bei der Szene bezüglich den Tests scheinen wir etwas blauäugig gewesen zu sein. Es war der Wunsch der Reporterin, eine Szene darzustellen, wo wir über die Lernkontrollen sprechen. Die Idee war, dass wir aufzeigen, dass zuerst nur schlechte Noten kamen, und als sie sich dann mit diesen Themen zu befassen begannen, kamen mit minimalem Aufwand innerhalb kürzester Zeit nur noch sehr gute Noten. Für unser Empfinden war der Teil mit dem Thema der Note 3 zu lange und der Teil mit den guten Noten kam zu kurz. Der Fokus lag auf der Note 3, was wiederum zu Missverständnissen führen kann. Schade. Ansonsten waren alle Szenen aus dem Alltag heraus entstanden und sind von uns allen völlig authentisch.

Es gibt auch Szenen, welche uns sehr gut gefallen, wie zum Beispiel die Szene im Garten. Dies ist Unschooling pur. Auch auf dem Bildungsausflug auf dem Toggenburger Klangweg mit Ferdi Rauber sind sehr schöne Bilder zu sehen und es zeigt, dass ein Netzwerk vorhanden ist, auch wenn an diesem Anlass nur sehr wenige Familien teilgenommen haben. Aber auch die Schlussszene mit unseren Aussagen ist sehr treffend. Sowieso ist der Abschluss sehr schön und lässt das Gesehene wirken.

Unser Eindruck ist, dass alle jene, welche sich schon ein bisschen mit Unschooling auseinander gesetzt haben, diese Reportage sehr positiv betrachten. Viele andere Menschen regt die Reportage zum Nachdenken an. Und natürlich gibt es immer jene Menschen, welche auch nach dem besten Film noch negative Kommentare schreiben würden. Damit muss man sich einfach abfinden.

Auf alle Fälle haben wir während und nach den Dreharbeiten viel gelernt. Für uns war in der Reportage definitiv zu viel Sensationslust enthalten und zu wenig Tiefe vom Wesentlichen. Es verwundert uns deshalb auch nicht, dass sich gewisse ‘Pressegeier’ nun mit ihren Berichten im negativen Sinne über uns auslassen. Unser Eindruck ist, dass dies in der Reportage von Anbeginn so angelegt war. Letztendlich geht es in den Medien immer nur um das Eine: Um die Quoten. Und Sensationsschlagzeilen kommen beim Mainstream immer an, dies kann man auf erschreckende Art und Weise den Kommentaren ablesen, welche aufzeigen, wie oberflächlich und unreflektiert viele Menschen funktionieren.

Deshalb sind wir froh, dass unser Buch nun fertig gedruckt ist und wir damit unser eigentliches Anliegen, nämlich das Wahren der Einzigartigkeit völlig unzensiert mit interessierten Lesern teilen können. Wie sagte der Dalai Lama so treffend: Die Welt braucht keine erfolgreichen Menschen mehr. Unsere Welt braucht dringend Friedensstifter, Heiler, Erneuerer, Geschichtenerzähler und Liebe aller Art.

Lassen wir also die Einzigartigkeit eines jeden Wesens zu und freuen uns an dieser Vielfalt.