Märchen und Geschichten

Märchen und Geschichten

Mit einer mehrfachen Mutter, deren Kinder eine selbstbestimmte, nicht-direktive Schule besuchen, durfte ich kürzlich ein interessantes Gespräch führen. Sie erklärte mir, weshalb ihre Kinder keine Geschichten und Märchen von einer CD oder Kassette hören dürfen. Sie nannte mir einige Argumente, welche ich teils nachvollziehen konnte, teils aber auch nicht. Auf jeden Fall regte mich das Gespräch an, über das Thema nachzusinnen und auch im Internet darüber zu recherchieren. Einige Argumente aus diesem Gespräch möchte ich hier tiefgründiger untersuchen.

Argument 1: Märchen sollten von der Mutter erzählt werden. Dann können auch böse Hexen vorkommen und das Kind fühlt sich immer noch geborgen, weil ja die vertraute Mutter das Märchen erzählt.

Leuchtet mir einerseits ein. Doch ich frage mich immer wieder, weshalb ich den Kindern überhaupt Märchen von bösen Hexen und bösen Stiefmüttern erzählen sollte. Sicher, den Märchen sagt man eine tiefenpsychologische Wirkung nach und dass sie sehr heilend sein können. Mag ja sein. Doch den Wenigsten ist heute bewusst, dass diese Märchen ursprünglich für Erwachsene geschrieben wurden und nicht für Kinder. Des Weiteren wurden die heutigen Märchen fast alle aus religiösen Gründen "bereinigt" und teils umgeschrieben, so dass ihre Grundsubstanz kaum noch durch die späteren Überlagerungsschichten hindurchscheint. Die Gebrüder Grimm beispielsweise schrieben nichts von bösen Hexen, sondern von Heilerinnen. Naturgeister wurden in Engel verwandelt, hilfreiche Fabeltiere, die einem den Weg in die Unterwelt der eigenen Seelentiefen weisen können, wurden in sinnlos grausame Teufel oder Dämonen verwandelt und sexuelle Elemente wurden ganz eliminiert. Wieso sollte ich also unseren Kindern jedes Märchen erzählen, welches dem Ursprung und deren magischen Bedeutungen gar nicht mehr gerecht wird?

Argument 2: Kinder empfinden Märchen lange nicht so brutal wie wir Erwachsenen. Wichtig ist, dass man ihnen keine Bilder zeigt. Sie sollen sich ihre eigenen Bilder machen.

Dass sich Kinder ihre eigenen Bilder machen sollen und dass diese dann sicher weniger brutal ausfallen, ist mir sehr bewusst. Sie erhalten somit die Chance, die Geschichte in ihrer eigenen Welt auszumalen und zu erleben. Andererseits gibt es viele Geschichten, die gerade von den wunderschönen Bildern leben und diese möchte ich unseren Kindern nicht immer vorenthalten!

Argument 3: Eine Geschichte von einer CD oder Kassette zu hören überflutet und überfordert die Kinder. Es sind zu viele Eindrücke, welche sie nicht verarbeiten können und zudem kann man als Eltern nicht abschätzen, was diese Geschichte beim Kind auslöst.

Unsere Kinder lieben Geschichten und ich erzähle viel und gerne. Trotzdem haben wir auch CD’s. Nicht irgendwelche CD’s, sondern ausgewählte CD’s. Nebst einem sinnvollen, "ruhigen"  Inhalt der Geschichte müssen auch noch andere Dinge stimmen, bevor ich sie den Kindern mit gutem Gewissen vorlegen kann. Es gibt hervorragende GeschichtenerzählerInnen, die können eine Geschichte auf solch faszinierende Art und Weise erzählen und mit passenden Liedern umrahmen, da kann ich selber nicht mehr mithalten! Was die Geschichte beim Kind auslösen wird, kann ich im Voraus nicht wissen. Da ich als Unschooling-Mutter jedoch sehr viel Zeit mit meinen Sprösslingen verbringen darf, traue ich mir zu, dass ich zumindest abschätzen kann, ob die Geschichte passen könnte oder nicht. Würde ich feststellen, dass die Kinder nach dem Hören einer CD sich auffällig verhalten, dann hätten wir schon lange keine CD’s mehr!

Ich bin schon der Meinung, dass das Alter eine bedeutende Rolle spielt. Je kleiner, je weniger passen die CD’s. Da ist die Stimme der Mutter (oder anderer vertrauter Personen) so wichtig wie deren Körperkontakt zum Kind. Je älter aber, desto mehr verschiedene Medien sollen integriert werden.

Argument 4: Die Kinder eine CD hören lassen, ist wie einen Schnuller dem Baby in den Mund stecken. Es ist eine Ablenkung und ein Ruhigstellen.

CD = Schnuller? Das ist ein interessanter Vergleich und in gewissen Fällen mag das sicher zutreffen. Aber ob das gleich bei allen zutrifft? Wenn unsere Kinder eine Geschichte ab CD hören, dann tun sie das aus völlig freiem Willen und eigenem Antrieb. Sie hören die CD absolut konzentriert und ohne dass sie nebenbei noch spielen. So werden sie auch nicht überflutet. Sicher kann man sagen, dass eine CD vom Prinzip her immer direktiv ist, da sie von aussen auf das Kind einwirkt. Die Gefahr, dass Kinder (auch Erwachsene) Probleme mit dem Hören einer CD verdrängen und sich davon ablenken, ist sicherlich da. Da gilt es als Eltern wach zu sein! Für uns ist dies allerdings kein Grund, unsere Kinder von diesem Medium fernzuhalten. Obwohl Sara und Olivia freien Zugang zu den CD’s haben, benutzen sie diese manchmal wochenlang nicht, was bedeutet, dass sie ganz und gar nicht abhängig davon sind.

Argument 5: Im Auto die Kinder eine CD hören lassen, würde ich nie tun. Es ist schon viel Stress für die Kinder von zu Hause wegzugehen. Hinzu kommen noch die vielen Eindrücke vom Auto aus. Da wäre es einfach zuviel, wenn sie noch eine Geschichte zu hören bekommen.

Hm, ja, könnte was Wahres dran sein! Aber es könnte ebenso gut umgekehrt sein, nämlich, dass eine vertraute CD den Kindern Vertrauen schenkt und den Stress vom Weggehen von zu Hause wegnimmt. Allerdings muss ich ehrlich sagen, dass mir bis jetzt nicht aufgefallen ist, dass es für unsere Kinder Stress ist, wenn wir von zu Hause weggehen. Vielleicht liegt es daran, dass wir nicht weggehen müssen. Gehen wir weg, dann ist das (fast) immer freiwillig.

Ist schon interessant, welche Märchen uns heute so erzählt werden. Was meinen denn unsere Blog-Leser zu diesem Thema?

By |2008-11-16T22:30:00+00:0016. November 2008|Geschichten, Märchen, Reflexion|2 Comments

2 Comments

  1. Evaanya 26. November 2008 um 13:42 Uhr - Antworten

    Liebe Doris und Familie
    unsere Kinder gehen meistens gerne mit uns weg. Es braucht immer etwas Zeit, aus dem eben spannenden Spiel auszusteigen. Ich sehe aus dem Auto sehr viel spannendes, und ich ermutige die Kinder dazu, gut in die Felder zu schauen, immer sehe ich Tiere unterwegs. Auch der Verkehr ist spannend, die verschiedenen Automarken finden meine Kinder überaus interessant (dies kann ich leider nicht mit ihnen teilen :-)). Also ich denke auch, ein Hörspiel waere auf unseren spannenden Touren eine Überlastung. Sonst denke ich, ist es wie mit allem: es kann gut oder weniger gut eingesetzt werden. Wie das Fernsehen auch. Es kann als Schnuller, als Babysitter eingesetzt werden, es kann aber auch als ein gesellschaftliches Ereignis eingesetzt werden. Zusammen etwas hören schafft Gemeinschaft.
    Wieso böse Hexen und Stiefmütter? Weil es böse Menschen gibt, immer gibt es Menschen, die uns nicht gutes wollen. Ich könnte da einiges auch aus unserem Alltag berichten. Meine Kinder kriegen dies alles auch mit, und die Maerchen helfen, dies aufzuarbeiten. Die bösen Figuren in den Maerchen dienen den Kinder dazu, mit diesem Umstand umzugehen, und sie lernen auch, das damit umgegangen werden kann, dass Liebe und guter Willen über das Böse siegen können. Das nimmt ihnen die Angst und gibt ihnen Mut.
    Grüsse und Küsse aus Budapest:
    Eva

  2. Lia 18. November 2008 um 10:24 Uhr - Antworten

    Hallo, ich habe hier bisher noch nie geschrieben, sondern nur eure interessanten Beiträge gelesen.

    Zum Thema CD’s und Hörbücher kann ich nur sagen, dass sie für meinen Sohn der Übergang zum intensiven Lesen waren.

    Er war anfangs kein so begeisterter Leser. Also habe ich ihm vieles, das ich interessant fand, als Hörbuch gekauft. Das wurden mit der Zeit immer längere Geschichten, die er mit Spannung hörte…. bis dann eines Tages eines dabei war, bei dem er wissen wollte, wie es weitergeht. Die Fortsetzung gabs noch nicht als Hörbuch, also hat er das (nicht gerade dünne) Buch gelesen.

    Seit damals liest er regelmäßig und mit Freude. Er hört auch immer wieder Hörbücher, konzentriert und offensichtlich ohne Reizüberflutung.

    Ich glaube, solange man vernünftig damit umgeht, sind Hörbuch-CD’s genau so eine Bereicherung wie gute Bücher oder gute Musik.

    Dass Kinder mit Reizen überflutet werden, kann auch in anderen Fällen geschehen. Dann dürfte man vielleicht mit Kindern auch keine Ausstellungen besuchen, weil die Masse an Bildern (oder anderen Kunstobjekten) und Menschen in Kombination mit einem fremden Ort bestimmt ein Übermaß an Reiz darstellen.

    Liebe Grüße
    Lia

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....... ist ein vom Kind geleitetes Lernen im normalen Wohn- und Lebensumfeld der Kinder, zusammen mit ihren Eltern oder nächsten Bezugspersonen ohne jeglichen Versuch die traditionelle Schule und ihre Lehrpläne nachzuahmen. Es gibt daher keinen geplanten Unterricht oder bestimmte Zeiten am Tag, für die schulähnliche Aktivitäten vorgeschrieben sind. Themen werden behandelt, wenn das Interesse des Kindes es verlangt. Die Eltern - oder die Personen, mit denen das Kind zusammenlebt – sind weniger Lehrer als Unterstützer und Begleiter der Lebens- und Lernprozesse.

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